Zur Inszenierung von Regisseur Simon Rösch

Arturo Ui, ein relativ erfolgloser Gangster-Chef der 20er und 30er Jahre des letzten
Jahrhunderts, versucht in Chicago den Karfiolhandel (Karfoil=bayrisch/österreichisch für Blumenkohl) unter
seine Kontrolle zu bringen. Um unbehelligt seinen Gangstergeschäften nachgehen zu können, erpresst er den
ranghohen Politiker Dogsborough, der sich vom Karfioltrust korrumpieren ließ. Durch weitere Erpressungen und
Gewalt erlangt Arturo Ui bald die Kontrolle über die Wirtschaft, Politik und Gerichtsbarkeit in Chicago. Doch
Arturo Ui ist das nicht genug, er weitet sein verbrecherisches System auf die Stadt Cicero aus und will
daraufhin den Karfiolhandel aller Städte Amerikas unter seine Kontrolle bringen.
Das Stück beginnt als Gangster-Farce, bekommt im weiteren Verlauf immer tragischere und politischere Züge
und ist in seiner Aktualität kaum zu überbieten. Arturo Ui, ein vom Ehrgeiz zerfressener narzisstischer Wicht wirkt
zunächst einerseits lächerlich und andererseits gefährlich wie ein jähzorniges Kind in Gestalt eines Erwachsenen.
Mit steigender Machtfülle wird die Figur stetig souveräner und somit bleibt nur noch die hochgradige
Gefährlichkeit erkennbar. Was am Anfang noch komisch war entwickelt sich zu einem immer schwerer
aufzuhaltenden und auszuhaltenden schlechten Scherz.
Bertolt Brecht schrieb diese Gangster-Parabel 1941 innerhalb weniger Wochen im finnischen Exil und behandelt
den (eigentlich aufhaltsamen) Aufstieg Hitlers in den 1920er und 1930er Jahren. Zahlreiche Figuren des Stückes
stehen für historische Personen:
 
Der alte Dogsborough - Paul von Hindenburg
Arturo Ui - Adolf Hitler
Giri - Hermann Göring
Roma - Ernst Röhm
Givola - Joseph Goebbels
Dullfeet - Engelbert Dollfuß
Karfioltrust - Junker, bzw. die Industrie
Gangster - Faschisten
Fish - Marinus van der Lubbe
 
Des Weiteren sind folgende Orte und Ereignisse folgendermaßen zu verstehen:
 
Chicago - Deutschland
Cicero - Österreich
Dockshilfeskandal - Osthilfeskandal
Speicherbrand - Reichstagsbrand
 
In dem Stück wird nahezu ausschließlich die These behandelt, dass Hitler aufzuhalten gewesen wäre,
wenn die politische und wirtschaftliche Elite ihn nicht unterstützt hätte, um einen eigenen Vorteil daraus zu
ziehen. Das begeisterte Mitlaufen oder das stumme Zusehen der Normalbevölkerung wird kaum zur Sprache
gebracht. Dies wurde in manchen Besprechungen kritisiert. Dem kann entgegengehalten werden, dass es
durchaus legitim, vielleicht sogar besser ist, sich auf einen Aspekt der Ereignisse zu konzentrieren, um diesen
genau zu beleuchten und um ein „Überladen“ der Geschichte zu verhindern. Des Weiteren wendet sich Brecht in

 

den letzten Sätzen direkt an das Publikum und schreibt ihm dadurch eine größere Verantwortung zu als es eine
reine Darstellung in einer Geschichte je könnte.
Ein weiterer Kritikpunkt, der bei komischen Darstellungen von Hitler immer wieder auftaucht, ist die Frage, ob
man solch eine grausame Figur komisch darstellen darf. Meine Antwort: Man muss! Denn es gibt keine schärfere
rhetorische Waffe als den Humor, nie würde ein Diktator zulassen, dass man über ihn lacht und niemand möchte
der Anhänger einer Witzfigur sein.
Bertold Brecht gilt als der Begründer des epischen Theaters. Diese Form des Theaters will das
Publikum weniger mitfühlen lassen, die Zuschauer sollen vielmehr den Abstand zur Geschichte bewahren und
nüchtern Lehren aus dieser ziehen. Doch an dieser Stelle widerspreche ich Brecht: Lernen und Mitfühlen
schließen sich nicht aus, vielmehr regt das Mitfühlen das Lernen an. Deshalb wird in dieser Inszenierung
versucht, die Ereignisse und Figuren möglichst publikumsnah und unterhaltend darzustellen. Die
Gangstergeschichte soll möglichst authentisch und für das Publikum nachvollziehbar erzählt werden. Die
grausame Parabel ist zu Beginn schwerer erkennbar als im Original und deckt sich im Verlaufe des Stückes bis
zur Schlussrede immer weiter auf, bis das Publikum mit der ganzen Wucht der politischen Aussage konfrontiert
und zugleich gewarnt wird (in diesem Fall ganz in Brecht’schem Sinne).
 
Der Regisseur, Simon Rösch